Transmedia Storytelling – Medienorientierter Literaturunterricht

Im Rahmen meiner Masterarbeit setzte ich mich mit dem aufkommenden Phänomen des transmedialen Erzählens auseinander und gestaltete dazu eine Projektwoche auf der Sekundarstufe I/II. Das Konzept bietet zahlreiche Möglichkeiten in den Bereichen Medienbildung, Spracherwerb und überfachlicher Kompetenzerwerb.

Was ist Transmedia Storytelling?

Bei Transmedia Storytelling entfaltet sich eine Geschichte über mehrere Medienkanäle, wobei jedes Medium eine in sich abgeschlossene Welt darstellt. Bezogen auf den Unterricht bedeutet das, dass Schülerinnen und Schüler vom passiven Konsum einer Erzählung zur aktiven Partizipation und Mitgestaltung angeregt werden. Durch Social Media können Lernende beispielsweise Hintergrundinformationen über einzelne Protagonisten in Erfahrung bringen oder sogar aktiv und interaktiv mit den Hauptfiguren einer Erzählung in Verbindung treten.

Wie kann ich mir eine solche Geschichte vorstellen?

Die Möglichkeiten sind vielfältig. In meiner Geschichte lernten die Jugendlichen die Protagonistin Jenny Smith über ihre Blog-Beiträge und über ihr Twitter-Profil kennen. Ausserdem liess sie der Klasse im Voraus Briefe zukommen und kündigte ihren Besuch im Rahmen eines Austauschprojekts per Video-Botschaft an. Anschliessend nahmen sie mit der fiktiven Person Kontakt auf, indem sie eine Skype-Unterhaltung mit ihr führten. Eine Studienkollegin von mir übernahm Jennys Rolle. Am nächsten Tag verschwand Jenny, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Ihre Mutter nahm per E-Mail Kontakt mit der Schule auf, mit der Bitte, Jenny so schnell wie möglich zu finden. Die Schülerinnen und Schüler begaben sich anschliessend auf eine literarische Schnitzeljagd, auf welcher sie über Social-Media, durch Skype-Unterhaltungen, Briefe, E-Mails und reale Gegenstände weitere Hinweise über Jennys Aufenthaltsort herausfanden (Temporal Dimension). Durch den synchronen und asynchronen Informationsaustausch mit weiteren Protagonisten verschwammen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität um besonders tiefe und eindrückliche literarische Erfahrungen zu sammeln (Storyworld).

Was sind die Vorteile von Transmedia Storytelling?

Transmedia Storytelling basiert auf den Grundsätzen des sozial-konstruktivistischen und konnektivistischen Lernens. Sprachenlernen wird zum kommunikativen Prozess.

  • Die Lernenden werden als Digital Natives in ihrer unmittelbaren Lebenswelt angesprochen.
  • Die Sprache ist das notwendige Mittel zur Kontaktaufnahme mit Protagonisten. Produktive und rezeptive Sprachkompetenzen werden simultan gefördert.
  • Kompetenzorientierter Spracherwerb
  • Metakognitive Prozesse spielen eine entscheidende Rolle und werden vielseitig gefördert.
  • Soziales und kollaboratives Lernen sind notwendig (Überfachliche Kompetenzen). Die durch die unterschiedlichen medialen Zugänge erschaffenen Teilwelten sind zu gross, um von einer einzigen Person verstanden zu werden. Kollektive Intelligenz ist zentral.
  • Digitale Partizipation und ein reflektierter und anwendungsorientierter Umgang mit unterschiedlichen digitalen und analogen Medienkanälen (Briefe, Twitter, Facebook, Videos, Skype, E-Mails, reale Gegenstände, Karten, Zeitungsberichte, Flyer, etc.) sind von entscheidender Bedeutung.

Der TED-Talk von Elaine Raybourn gewährt weitere spannende Eindrücke in die Arbeit mit transmedialen Geschichten im Unterricht.

Gibt es Nachteile?

Das Erschaffen einer transmedialen Geschichte ist enorm zeitaufwändig. Die digitalen Spuren beziehungsweise die digitalen Identitäten der fiktiven Protagonisten müssen allesamt erstellt und generiert werden. Im Rahmen einer Masterarbeit ist dieser Aufwand möglich, im Schulalltag nicht. Anwendbare und zur Anpassung freigegebene Formate müssten den Lehrpersonen zum unkomplizierten und ressourcenorientierten Einsatz zur Verfügung gestellt werden. Dennoch eignet es sich, Elemente des Transmedialen Erzählens auch in den täglichen Sprach- und Literaturunterricht zu integrieren.

Rückmeldungen zur Projektwoche und zu Transmedia Storytelling

Summarize your experiences of the project week in 1-2 sentences.

  • „I’ve learned a lot about social media and I also liked that we had to speak English the whole time.“
  • „The project week was very interesting and funny. I liked to skype with other persons from different countries (A/N: protagonists).“
  • „It was one of the best things I’ve ever done!“
  • „It was a very interesting week. I’ve learned a lot more!“
  • „It was very interesting. It was funny, but also a little bit strict.“
  • „I had a great time, I’m very glad that I took this because this was a chance you don’t get often. My compliment to this great idea!!!“
  • „It was very interesting. It was a fantastic idea. I would do it again.“
  • „I liked this week very much and I would do this again, if I could. It was a nice experience and I have another opinion about literature now.“
  • „There were nice experiences. In general, it was very nice.“
  • „Very interesting week with modern media, new opinion of the project week.“
  • „The project week was awesome!

Konkretes Beispiel aus der Praxis

Weitverbreitetes Beispiel (v.a. USA, Austalien) für Transmedia Storytelling im Unterricht, Virtual-Reality-Elemente, erstelltes und zur Verfügung stehendes Unterrichtsmaterial, im Jahr 2012 von der American Association of School Librarians (AASL) als eine der besten Webseiten zum Unterrichten und Lernen ausgezeichnet

 

Videoprojekte im Fremdsprachenunterricht

Ich bin der festen Überzeugung, dass das Ziel eines jeden Fremdsprachenunterrichts die Förderung von grundlegenden kommunikativen Sprachfertigkeiten sein sollte. Die mündliche Kommunikation (produktiv wie auch rezeptiv) liegt mir dabei besonders am Herzen. Ein handlungs- und produktionsorientierter Ansatz eröffnet den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten, sich individualisiert nach ihrem derzeitigen Sprachstand weiterzuentwickeln.

Das Projekt

Ausgehend von den Lehrmitteln «New Inspiration 2» und «Envol 7» gestalten die Lernenden ihr eigenes Videoprojekt, welches zentrale Inhalte der behandelten Unterrichtseinheit aufgreift. Nachdem die dazu notwendigen grammatikalischen Strukturen und das grundlegende Vokabular erarbeitet wurden, erhielten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, diese Sprachstrukturen in einer (halb-)authentischen Kommunikationssituation zu festigen und zu vertiefen. Die Lernenden wurden durch einen Mündlich Prüfung Videos U7 unterstützt, wobei die Handlungsanweisungen stets Platz für Kreativität und individuelle Umsetzungsmöglichkeiten liessen.

Zeitlicher Rahmen

Den Lernenden wurde zur Planung und Realisierung der Videoprojekte zwischen drei und fünf Lektionen zur Verfügung gestellt. Dieser zeitliche Rahmen erwies sich bereits bei mehreren Videoprojekten als optimale Grundlage für eine sauber strukturierte und sprachlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Projekt. Vielfach wurden die Videos selbst dann in der Freizeit an speziellen Orten und Schauplätzen gedreht.

Hilfestellungen

  • Der Leitfaden

Der Leitfaden verweist explizit nochmals auf behandelte Theorieseiten im Lehrmittel, die bei der Planung hilfreich sein könnten. Des Weiteren schafft er Transparenz bezüglich den Leistungserwartungen und verleiht den Videos eine einheitliche Struktur mit Möglichkeiten zur Individualisierung.

  • Die Lehrperson

Da die Schülerinnen und Schüler während des Projektes sehr selbstständig arbeiten, hat die Lehrperson die Möglichkeit, die einzelnen Gruppen binnendifferenziert zu unterstützen.

  • Das Tablet

Die meisten Lernenden schreiben die schriftliche Version des gesprochenen Textes auf dem Tablet nieder. Auch hier zeigt sich der individuelle Zugang zu bereits bekannten Softwareprogrammen oder technischen Unterstützungsmöglichkeiten: Während einige Gruppen gemeinsam auf Microsoft OneNote am Text schreiben, verwenden andere Microsoft Word mit der integrierten Sprachkorrekturfunktion. Wiederum andere Gruppen verwenden Apps/Internetseiten wie leo.org oder linguee.de zur sprachlichen Unterstützung. Auch die Aussprachefunktion von leo.org wird von den Lernenden häufig verwendet.

Da es bei den ersten Versuchen noch vermehrt vorkam, dass einzelne Gruppen Google-Translate als neuen besten Freund entdeckten, stellte ich den Lernenden nach einer gewissen Zeit den DeepL-Translator vor. Dabei thematisierten wir die Tücken und sprachlichen Grenzen eines solchen Übersetzungsprogrammes, allerdings auch das Lernpotenzial hinsichtlich Wortschatzarbeit, Verwendung von Synonymen und Erwerb von sprachlichen Grundstrukturen. Dabei gefällt mir persönlich besonders, dass der DeepL-Translator auch alternative Sprachvarianten aufzeigt und dass jedes übersetzte Wort angeklickt werden kann, damit einem zahlreiche, meist kontextrelevante, Synonyme empfohlen werden. Grundsätzlich teile ich den Lernenden jedoch stets mit, dass sie in erster Linie mit ihren vorhanden sprachlichen Kompetenzen arbeiten sollen und dass ich nichts erwarte oder voraussetze, was wir nicht auch bereits im Unterricht behandelt haben.

  • Das Smartphone

Die Schülerinnen und Schüler benutzten das Smartphone in erster Linie für die Videoaufnahmen. Mit Apps wie VivaVideo, VideoCutter oder VideoShow haben einige Gruppen ihre Videos mit zusätzlichen Effekten aufgemotzt. Da wir die Apps während des Unterrichts nie thematisiert haben, habe ich den Gruppen freigestellt, ihre Videos zusätzlich zu bearbeiten. Obwohl die zusätzliche Bearbeitung mit einem zeitlichen Zusatzaufwand verbunden war und keineswegs bewertungsrelevant war, entschieden sich viele Lernende dazu, diese Zusatzarbeit freiwillig zu leisten.

Positive Aspekte der Videoprojekte

  • Freude und Individualisierung beim Fremdsprachenerwerb
  • Förderung von überfachlichen Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Eigenständigkeit, Kooperations- und Problemlösefähigkeit
  • Möglichkeiten eines interdisziplinären Ansatzes mit weiteren Fachbereichen (z.B. Medien- und Informatik, Geschichte, Lebenskunde, etc.)
  • Die Videoprojekte mindern Hemmungen bei der mündlichen Kommunikation im Fremdsprachenunterricht; besonders im Fach Französisch, da die Lernenden die Möglichkeit haben, sich selbst anhand der gedrehten Videos zu analysieren, zu reflektieren und zu verbessern, falls sie mit dem Endprodukt nicht zufrieden sind.
  • Eine hohe Motivation und Kreativität seitens der Lernenden im Umgang mit Fremdsprachen
  • Ein persönlicher Zugang zur Sprache (emotionale, motivationale und volitive Faktoren)
  • Hohe Schüleraktivität: Fremdsprache als Verständigungssprache auch während der Planung und Realisierung der Videos
  • Erwerb, Festigung und Vertiefung von sprachlichen Strukturen
  • Kennenlernen von kulturellen Eigenheiten der Zielsprache je nach Videoprojekt und Schwerpunkt

Mögliche Stolpersteine

  • Blindes Vertrauen in Sprachassistenten und Übersetzungsprogramme wie Google Translate oder DeepL
  • Grösse der Videodatei beim Verschicken – USB-Stick, Komprimierung evtl. thematisieren oder Arbeit mit einer Cloud
  • Aufwendige Nachbearbeitung der Videos – auch wenn sie freiwillig ist, viele Gruppen haben hier sehr viel Zeit investiert

Eindrücke gefällig?

Hier ein kleiner Auszug aus einem längeren Video meiner 2. Realklasse 🙂

 

Etherpad – Freies Schreiben im Fremdsprachenunterricht

Etherpad im Französischunterricht

Während einer Lektion pro Woche steht bei uns auf der Sekundarstufe im Französischunterricht „Begabungs- und Begabtenförderung“ auf dem Programm. Dabei handelt es sich um ein Zeitgefäss, welches den Lernenden in Kleingruppen individuelle und interessengeleitete Zugänge zur Sprache bieten soll.

Perspektivenwechsel war also gefragt! Die einzig richtige Schlussfolgerung hinsichtlich der Lektionsplanung war meines Erachtens, dass ich die Schüler/innen selbst entscheiden oder zumindest mitbestimmen lasse, an welchen Themenbereichen sie arbeiten möchten. Die Zugrichtung war klar: freies Sprechen, freies Schreiben und Wortschatzübungen. Inspiriert durch die Weiterbildungswoche „Medien und Informatik“ an der PHSZ, entschied ich mich dazu, im Bereich „freies Schreiben“ Etherpad auszuprobieren.

In einem ersten Schritt erarbeiteten sich die Schüler/innen in einem Repetitionsauftrag den grundlegenden Wortschatz zur Unité 2 mit Hilfe von Quizlet. Anschliessend thematisierten wir gemeinsam gängige Satzstrukturen und Ausdrucksmöglichkeiten im Französischunterricht. Danach stiess ich die Schüler/innen ins kalte Wasser.

Auf Etherpad sollten sie nun in Kleingruppen eine Geschichte schreiben und sich dabei am Vokabular der Unité 2 und an den besprochenen Satzstrukturen orientieren. Schön zu beobachten war, dass ausnahmslos alle Schüler/innen an der Geschichte teilnahmen, ihren Beitrag leisteten, sich gegenseitig kontrollierten und korrigierten. Die synchrone Kommunikation erlaubte es den Lernenden, gegenseitig von einander zu profitieren und gleich Stellung zu beziehen. Nicht selten kam es vor, dass einzelne Schüler/innen intrinsisch motiviert im Internet nach weiteren Worten, Satzstellungen oder Ausdrücken suchten.

Von der Lektion konnten alle Lernenden profitieren, Französisch (und dann erst freies Schreiben AUF FRANZÖSISCH!) machte Spass!

Auszug Etherpad 1

Auszug Etherpad 2

Marc Helbling, September 2017