Umgang mit KI bei der Beurteilung: Warum Eigenständigkeit nicht das Ziel ist

Die Frage, wie Lehrpersonen den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Bewertung von Leistungen handhaben sollten, ist so dringend wie schwierig zu beantworten. Ich möchte nicht behaupten, die beste Lösung gefunden zu haben, aber ich teile gerne meinen persönlichen Ansatz. Besonders weil ich weiss, dass viele Lehrpersonen selber noch nach einem funktionierenden und konsistenten Ansatz suchen. Beim Thema KI ist unsere erste Reaktion oft eine gewisse Ratlosigkeit, da die für viele LPs wichtigste Frage: „Wie kann ich denn bewerten, ob und was SuS alles eigenständig gemacht haben?“ nie zufriedenstellend beantwortet werden kann. Und da auch ich bis heute keine gute Antwort auf diese Frage gefunden habe, habe ich beschlossen, dass die eigentliche und einzig relevante Frage immer noch dieselbe wie vor dem Aufkommen der KI ist:
„Wie gut konnten die SuS das Lernziel erreichen und wie kann ich das bewerten?“.

Symbolisches Beispiel für eine schlechte Nutzung von KI im Unterricht:
Die KI dient als unnötige Krücke, welche den Kompetenzerwerb behindert.
Das Ziel „Rennen lernen“ wird verfehlt und ist nicht beurteilbar.

Besteht das Ziel im Erwerb einer Grundkompetenz?

  • Wenn das Ziel darin besteht eine Grundkompetenz zu erwerben, z.B. das Schreiben von Textsorte X, ist eine starke Beschränkung oder nur ein sehr gezielter Einsatz von KI angebracht. In diesem Beispiel könnte KI vielleicht am Ende des Themas für erweiterte Übungen eingesetzt werden. SuS könnten einen von einer KI geschriebenen Text auf die erlernten Kriterien überprüfen oder sich Feedback von einer KI zu einem eigenen Text geben lassen. Bei diesem ersten Erwerb einer Grundkompetenz ist die Nutzung von KI durch die SuS im Unterricht eher kontraproduktiv. Auch wenn sich ihr Einsatz im Unterricht als eine Art persönlicher Expertencoach für die SuS so auf den ersten Blick anbieten würde, ist er dem eigentlichen Ziel – dem Erwerb der Grundkompetenz – abträglich. Wenn die SuS eine KI zu Hause einsetzen, um das Unterrichtsthema besser zu verstehen oder die Grundkompetenz zu üben, ist das lobenswert und sollte nicht unterbunden werden.
  • Die KI jedoch in dieser Phase des Kompetenzerwerbs im Unterricht gezielt einzusetzen, halte ich für schwierig. Denn nur wer die Grundkompetenz, einen bestimmten Text eigenständig zu schreiben, erworben hat, ist in der Lage, einer KI effektive Anweisungen zum Schreiben eines solchen Textes zu geben oder die Ausgabe einer KI auf die Kriterien und Qualitäten einer guten Ausführung der eigenen Anweisung zu prüfen. Steht das Erlernen von Grundfähigkeiten im Mittelpunkt der Lerneinheit, eignet sich primär eine Theorie- oder eine Prozessnote, die nicht durch die zusätzliche Hilfe durch KI beeinflusst wurde. Zum Beispiel durch einen Leistungsvergleich der Schreibkompetenz vor und nach der Lerneinheit. Eine solche Bewertung des Lernfortschritts passt zum Ziel, zu lernen, wie man eine gute Textsorte X schreibt. Hierbei liegt der Fokus auf dem Lernprozess, nicht auf der bestmöglichen Qualität des Endprodukts.

Oder die bestmögliche Anwendung dieser Kompetenz?

  • Wenn hingegen das Lernziel darin besteht, eine bereits erworbene Kompetenz anzuwenden, um eine andere Kompetenz zu erwerben (z.B. eine Präsentation im Fach Geschichte erstellen), oder ein Lernprodukt in möglichst guter Qualität zu schaffen, wie zum Beispiel eine möglichst gute Bewerbung zu schreiben, sollte der Einsatz von KI gefördert und gegebenenfalls auch bewertet werden. Lehrpersonen sollten in diesem Fall die SuS ermutigen, KI zu nutzen und ihnen zeigen, wie sie KI zum Schreiben und Verbessern dieser Textsorte einsetzen können. Dies beinhaltet das Erlernen eines kompetenten Einsatzes von KI sowie die Nutzung der durch KI gesparten Zeit für die nötigen zusätzlichen Recherchen, z.B. zu Quellen, dem kritischen Prüfen der KI-Ausgaben, oder dem eigenständigen kreativen Verbessern oder Erweitern der Arbeit.
  • Wenn es also darum geht, dass die SuS ein Lernprodukt in bestmöglicher Qualität schaffen oder eine erworbene Grundkompetenz anwenden sollen, dann wäre es kontraproduktiv und sinnlos, ihnen den Einsatz von KI zu verbieten. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass SuS, denen in der Schule in solchen Fällen der Einsatz von KI verboten wird, in Zukunft grosse Nachteile haben werden. In ihrer nachschulischen Karriere wird es keine Rolle spielen, ob sie ihr Ziel mit oder ohne Hilfsmittel erreicht haben; von Bedeutung ist nur, wie gut das Ziel erreicht wurde.
Symbolisches Beispiel für eine gute Nutzung von KI im Unterricht:
Die KI dient als effektives Hilfsmittel, welche den Kompetenzerwerb fördert.
Das Ziel „schnelles Rennen lernen“ wird erreicht und ist beurteilbar.

Unterricht planen lernen vs. Unterricht planen

Um zu verdeutlichen, warum ich glaube, dass dies ein konsistenter Ansatz ist und um uns Lehrpersonen selber nicht von diesen Entwicklungen auszuklammern, möchte ich es an einem Beispiel aus unserem beruflichen Alltag verteutlichen:

  • Beim Erlernen der Unterrichtsplanung für Lehrpersonen ist es entscheidend, die grundlegenden Schritte selbst zu durchlaufen, ohne sich dabei auf KI zu stützen. Dies hilft beim Aufbau und Erwerb essenzieller Planungskompetenzen. Der vorzeitige Einsatz von KI könnte den Lernprozess beeinträchtigen, da das Ziel ist, die Fähigkeit der Unterrichtsplanung selbst zu erlernen und nicht eine bestmögliche Unterrichtsplanung für eine Lektion zu entwickeln. Prüfen könnte man dies z.B. durch eine händische Unterrichtsplanung ohne Hilfsmittel zu vorbestimmten Lernzielen. Auch wenn dies nicht der Praxis entspricht, prüft diese Beurteilungsform ob die Grundkompetenz zur Unterrichtslanung vorhanden ist.
  • Wenn das Ziel darin besteht, eine möglichst gute Lektion zu planen, dann kann der Einsatz von KI zur Unterstützung und Optimierung der Unterrichtsplanung sehr sinnvoll sein. Die KI könnte helfen, passende Lernmaterialien schneller zu finden oder die Lektion besser auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler abzustimmen. Die dadurch gewonnene Zeit könnte genutzt werden, um die geplante Lektion weiter zu verfeinern, zum Beispiel durch das Erstellen zusätzlicher interaktiver Inhalte oder das Einbinden differenzierter Lehrmethoden. Für eine Diplomlektion wäre deshalb der Einsatz von KI sinnvoll und produktiv – da die bestmögliche Qualität der Lektion im Mittelpunkt steht.
  • In diesem Kontext spielt es keine Rolle, ob die Lektion ohne technologische Hilfsmittel geplant wurde. Ob die coole Unterrichtsidee zu 100% von der LP selbst kam oder bei der Arbeit mit einer KI entstanden oder verbessert worden ist. Entscheidend ist die Qualität der Unterrichtsplanung selbst – dass sie gut strukturiert, verständlich, anregend, passend zu den Zielen und effektiv durchzuführen ist. Es ist mir wichtig, nochmals zu betonen, dass die Fähigkeit, etwas ohne KI tun zu können, die Grundlage dafür ist, beurteilen zu können, ob die Ausgabe der KI überhaupt das leistet, was wir möchten. Nur wenn wir die Prozesse und Prinzipien der von uns bei der KI in Auftrag gegebenen Arbeit selbst verstehen und beherrschen, können wir effektiv einschätzen, ob und wie KI-Tools uns dabei helfen können, unsere Ziele zu erreichen.

Empfehlung: Einsatz von KI einmal grundsätzlich und verbindlich zu regeln

Um den Umgang mit KI in Schülerarbeiten zu regeln und sicherzustellen, dass die Schüler KI verantwortungsvoll und kompetent nutzen, habe ich eine Art Bewertungsraster erstellt. Dieses Raster ergänzt die üblichen Bewertungskriterien und dient als ständiger Begleiter, der grundsätzlich regelt, wie wir möchten, dass KI eingesetzt wird, wie eigenständig gearbeitet werden muss, Quellen angegeben und KI-Inhalte kritisch hinterfragt werden sollen.

Mögliche Anweisungen für Lehrpersonen

  1. Bestimme die Lernziele: Überlege, was genau überprüft und gemessen werden soll. Wenn das eigenständige Formulieren von Texten eine Kernkompetenz ist, könnte die Nutzung von KI beschränkt werden, etwa durch einen Prüfungsmodus oder temporäres Deaktivieren des Internets.
  2. Setze klare Bedingungen für KI-Nutzung: Informiere die SuS, dass sie alle Inhalte in eigenen Worten erklären und verstehen müssen. Kläre, dass Kopieren und Einfügen ohne Verständnis zu Punktabzügen führt. Biete die Möglichkeit, Missverständnisse in persönlichen Gesprächen zu klären.
  3. Fordere eine fundierte Quellenarbeit: Erwarte, dass SuS die Ausgegebenen Sachinformationen einer KI immer prüfen und im besten Falle für alle genutzten Informationen 1-2 seriöse Quellen angeben. Stelle Richtlinien zur Quellenangabe bereit und betone, dass ChatGPT oder andere KI-Tools nicht als direkte Quellen gelten.
  4. Ermutige zur kritischen Auseinandersetzung mit KI: Biete die Möglichkeit, Bonuspunkte zu sammeln, wenn SuS in einem separaten Abschnitt Fehler, Falschinformationen oder seltsame Formulierungen in KI-Ausgaben auflisten und korrigieren.

Mögliche Anweisungen an die Schülerinnen und Schüler (SuS):

  • Bei der Nutzung von KI-Tools wie ChatGPT ist es wichtig, dass ihr die Inhalte versteht und in eigenen Worten wiedergeben könnt.
  • Bei dem Eindruck, dass Informationen ohne Verständnis übernommen wurden, gibt es Punktabzug. Die Grundanforderung ist, alles Geschriebene zu verstehen und erklären zu können.
  • Ihr habt die Möglichkeit, Abzüge zu revidieren: Kommt nach der Rückgabe der Bewertung auf mich zu und überzeugt mich in einem Gespräch von eurem Verständnis.
  • Macht die Nutzung von KI transparent, z.B. mit einer Bemerkung wie „Ich habe bei dieser Arbeit folgende KI-Tools eingesetzt:“.
  • Nutzt die durch KI eingesparte Zeit für sorgfältige Recherche und belegt jede Information mit 1-2 seriösen Quellen. ChatGPT zählt nicht als Quelle.
  • Bonuspunkte könnt ihr sammeln, indem ihr eure eingesetzten Prompts listet und aufzeigt, welche Fehler oder Ungereimtheiten ihr in der KI-Ausgabe gefunden und korrigiert habt.

Ihr findet eine kürzere schriftliche Version unter folgender Adresse: https://coda.io/@herrhuber/sekeinshofe-public/umgang-mit-ki-bei-der-beurteilung-19

Wie seht Ihr das? Ähnlich wie ich, oder komplett anders? Was gefällt Euch an meinem Ansatz? Woran stösst ihr euch? Ich freue mich über jedes Feedback!

1 thought on “Umgang mit KI bei der Beurteilung: Warum Eigenständigkeit nicht das Ziel ist

  1. Dein Artikel enthält einige zentrale Fragen und Ideen, welche ich gerne weiterverfolge:
    – KI als LP gezielt nutzen, um mehr Zeit für Arbeiten zu haben, was KI (noch) nicht kann.

    – Den SuS einen Rahmen geben, um KI gwziwkt einzusetzen.

    – KI in SuS Arbeiten deklarieren und als LP Richtlinien und Beurteilungskriterien vorgeben.

    – SuS und LPs zu kompetenten Nutzern der KI machen!

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