Apprentissage numérique

Digitaler Fremdsprachenunterricht mit Lernplattformen

Während den vergangenen acht Wochen bin ich mit meiner Klasse im Französischunterricht intensiv in die Welt des digitalen Lernens mit Hilfe von unterschiedlichen Lernplattformen eingetaucht. Nach einer ersten Arbeitsphase ist es nun an der Zeit, ein Zwischenfazit zu ziehen.

Welche Lernplattformen gibt es für den Französischunterricht/Fremdsprachenunterricht?

Es ist nicht ganz einfach, eine Vielzahl von unterschiedlichen und qualitativ ansprechenden Lernplattformen oder Übungssoftwares für den Französischunterricht aufzuzählen. Neben den Lernplattformen, die sich bereits seit geraumer Zeit im Umlauf befinden und Einzug in den Schulalltag gefunden haben wie beispielsweise «Schularena», «Quizlet» oder «On s’entraine» habe ich auch kostenpflichtige Produkte von privaten Unternehmen getestet. Auf Anfrage gebe ich gerne Auskunft über die dabei gemachten Erfahrungen mit den getesteten Plattformen.

Qualitativ gute gratis e-Learning-Plattformen sind aus nachvollziehbaren Gründen nicht ganz einfach zu finden. Ich persönlich arbeite noch gerne mit «Bonjour-de-France». Mittlerweise gibt es eine Reihe von kostenpflichtigen Angeboten, die teils adaptiv und ansprechend/motivierend gestaltet sind. Eine gute Übersicht dazu gibt die Seite «Online-Sprachen-Lernen».

Wie sind solche Lernplattformen aufgebaut?

Neben den wenigen digitalen Lernplattformen, die auf den vorhandenen Lehrmitteln basieren, orientieren sich die meisten Lernplattformen am Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeRS). In unterschiedlich gegliederten Unterrichtseinheiten werden meist grammatikalische und teils kommunikative Sprachkompetenzen erworben und gefördert. Die Lernenden können selbstständig nach ihren Interessen und nach ihrem eigenen Rhythmus an den Inhalten arbeiten. Häufig wird dabei zuerst die Theorie präsentiert, bevor Vertiefungs- und Überprüfungsaufgaben gelöst werden können (deduktive Herangehensweise). Die Lehrperson begleitet und unterstützt dabei die Schülerinnen und Schüler im Lernprozess. Bei vielen Lernplattformen gibt es erweiterte Nutzungsrechte für Lehrpersonen, um den Lernprozess der Schüler/innen im Überblick zu behalten.

Einige Vorteile von digitalen Lernplattformen

  • Anregende, motivierende Ergänzung zu den vorhandenen Lehrmitteln
  • Teils ansprechend animierte Videos inklusive Transkribt
  • Förderung der Selbstständigkeit und Selbstorganisation der Lernenden
  • Klare Struktur – häufig benutzerfreundliches und intuitives Layout
  • Transparente Lernzielorientierung (sehr unterschiedlich)
  • Direktes Feedback durch digitale Auswertung (ressourcenorientiertes Arbeiten)
  • Möglichkeiten zur Differenzierung nach Niveau, Interesse, Lerntyp, etc.
  • Wenig Papier
  • Smartphone-kompatible Websites (immer mehr im Umlauf)
  • Je nach Plattform teils erweiterte Nutzungsrechte für Lehrpersonen (Codes für Tests, Übersicht Leistungen und Aktivität der Lernenden, Transkribte, etc.)

Kritische Punkte

  • Als Lehrperson ist es schwierig, beim individualisierten Arbeiten den Überblick zu behalten. Hier bietet sich die Arbeit mit Lernjournalen und Erkenntnisberichten an.
  • Sprechsituationen und Sprechübungen müssen häufig ergänzt werden (der kommunikative Aspekt kommt eher zu kurz)
  • Binäres Auswertungssystem: Es gibt nur «richtig» oder «falsch», es gibt keine halben Punkte (z.B. «accent aigu» vergessen/Einzahl-Plural).
  • Die Lernenden müssen meist ihr eigenes Sprachniveau gut kennen, um gezielt niveaugerechte Aufgaben lösen zu können. Einzelne Lernenden werden hier überfordert sein (hier ist die Unterstützung durch die Lehrperson zentral).
  • Datenintensive Videos: Bei einer schlechten Internetverbindung laden einzelne Dateien nicht oder nur sehr langsam. (schulinterne Unterschiede)
  • Sprachenlernen ist hier teilweise Selbstzweck, was durchaus auch seine Berechtigung aufweist und keinesfalls nur negativ gewertet werden soll. Neueren Entwicklungen der Fremdsprachendidaktik wie dem Communicative Language Approach oder dem Task-Based-Learning (Apprentissage par tâches, acteurs sociaux) wird dabei allerdings wenig Rechnung getragen.
  • Viele Lernplattformen und gratis Übungssoftwares weisen keinen adaptiven Charakter auf (Anpassung an den aktuellen Sprachstand der Lernenden). Es bleibt abzuwarten, ob alternative Angebote wie «Lernpass» ähnliche und/oder erweiterte Möglichkeiten in Bezug auf digitales Lernen bieten.

Digitale Lernplattformen und Übungssoftwares – eine Alternative zum Lehrmittel?

Ja, meines Erachtens kann man sie als Alternative zu den aktuellen physischen Lehrmitteln betrachtet. Hier gilt es zu berücksichtigen, dass sich viele Programme primär am GeRS orientieren. Weiterführende Schulen orientieren sich indes noch stark an den kantonal empfohlenen und/oder teils vorgeschriebenen Lehrmitteln. Die Lernplattformen können somit gut als Ergänzung zu den bestehenden Lehrmitteln eingesetzt werden. Ausserdem bieten sie Möglichkeiten für förderorientierte und individualisierte Unterrichtsgefässe, welche nach dem Prinzip des selbstorganisierten Lernens (SOL) aufgebaut sind.

Meine Klasse hat grundsätzlich ein sehr positives Fazit zur Arbeit mit den digitalen Lernplattformen gezogen.

Exemplarische Aussagen einzelner Schülerinnen und Schüler

  • «Ein grosser Unterschied war, dass wir kaum Zeug brauchten. Sonst war es sehr mühsam mit den Büchern.»
  • «Die spielerischen Aufgaben waren cool. Die Theorie sollte noch auf Deutsch übersetzt werden.»
  • «Ich kann in meinem eigenen Tempo arbeiten.»
  • «Es macht viel mehr Spass am Tablet zu arbeiten, weil man selbstständiger sein muss.»
  • „Die Theorieaufgaben machen mir besonders viel Spass.»
  • «Ein Nachteil ist, dass es einen ganzen Punkt Abzug gibt, wenn man einen Fehler hat.»
  • «Es macht Spass. Man lernt nur elektronisch und nicht mit dem Buch/Heft.»
  • «Es hat ein bisschen viel Text und (fast) keine Videos.»
  • «Ich würde gerne weiterhin so arbeiten, weil meine Motivation mehr da ist und ich sehe meine Fortschritte an den Punkten.»
  • «Wenn ich etwas ändern könnte, würde ich mehr spielerische Aufgaben erstellen.»
  • «Ich bevorzuge Envol, weil es mehr mit der Klasse ist.»

Videoprojekte im Fremdsprachenunterricht

Ich bin der festen Überzeugung, dass das Ziel eines jeden Fremdsprachenunterrichts die Förderung von grundlegenden kommunikativen Sprachfertigkeiten sein sollte. Die mündliche Kommunikation (produktiv wie auch rezeptiv) liegt mir dabei besonders am Herzen. Ein handlungs- und produktionsorientierter Ansatz eröffnet den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten, sich individualisiert nach ihrem derzeitigen Sprachstand weiterzuentwickeln.

Das Projekt

Ausgehend von den Lehrmitteln «New Inspiration 2» und «Envol 7» gestalten die Lernenden ihr eigenes Videoprojekt, welches zentrale Inhalte der behandelten Unterrichtseinheit aufgreift. Nachdem die dazu notwendigen grammatikalischen Strukturen und das grundlegende Vokabular erarbeitet wurden, erhielten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, diese Sprachstrukturen in einer (halb-)authentischen Kommunikationssituation zu festigen und zu vertiefen. Die Lernenden wurden durch einen Mündlich Prüfung Videos U7 unterstützt, wobei die Handlungsanweisungen stets Platz für Kreativität und individuelle Umsetzungsmöglichkeiten liessen.

Zeitlicher Rahmen

Den Lernenden wurde zur Planung und Realisierung der Videoprojekte zwischen drei und fünf Lektionen zur Verfügung gestellt. Dieser zeitliche Rahmen erwies sich bereits bei mehreren Videoprojekten als optimale Grundlage für eine sauber strukturierte und sprachlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Projekt. Vielfach wurden die Videos selbst dann in der Freizeit an speziellen Orten und Schauplätzen gedreht.

Hilfestellungen

  • Der Leitfaden

Der Leitfaden verweist explizit nochmals auf behandelte Theorieseiten im Lehrmittel, die bei der Planung hilfreich sein könnten. Des Weiteren schafft er Transparenz bezüglich den Leistungserwartungen und verleiht den Videos eine einheitliche Struktur mit Möglichkeiten zur Individualisierung.

  • Die Lehrperson

Da die Schülerinnen und Schüler während des Projektes sehr selbstständig arbeiten, hat die Lehrperson die Möglichkeit, die einzelnen Gruppen binnendifferenziert zu unterstützen.

  • Das Tablet

Die meisten Lernenden schreiben die schriftliche Version des gesprochenen Textes auf dem Tablet nieder. Auch hier zeigt sich der individuelle Zugang zu bereits bekannten Softwareprogrammen oder technischen Unterstützungsmöglichkeiten: Während einige Gruppen gemeinsam auf Microsoft OneNote am Text schreiben, verwenden andere Microsoft Word mit der integrierten Sprachkorrekturfunktion. Wiederum andere Gruppen verwenden Apps/Internetseiten wie leo.org oder linguee.de zur sprachlichen Unterstützung. Auch die Aussprachefunktion von leo.org wird von den Lernenden häufig verwendet.

Da es bei den ersten Versuchen noch vermehrt vorkam, dass einzelne Gruppen Google-Translate als neuen besten Freund entdeckten, stellte ich den Lernenden nach einer gewissen Zeit den DeepL-Translator vor. Dabei thematisierten wir die Tücken und sprachlichen Grenzen eines solchen Übersetzungsprogrammes, allerdings auch das Lernpotenzial hinsichtlich Wortschatzarbeit, Verwendung von Synonymen und Erwerb von sprachlichen Grundstrukturen. Dabei gefällt mir persönlich besonders, dass der DeepL-Translator auch alternative Sprachvarianten aufzeigt und dass jedes übersetzte Wort angeklickt werden kann, damit einem zahlreiche, meist kontextrelevante, Synonyme empfohlen werden. Grundsätzlich teile ich den Lernenden jedoch stets mit, dass sie in erster Linie mit ihren vorhanden sprachlichen Kompetenzen arbeiten sollen und dass ich nichts erwarte oder voraussetze, was wir nicht auch bereits im Unterricht behandelt haben.

  • Das Smartphone

Die Schülerinnen und Schüler benutzten das Smartphone in erster Linie für die Videoaufnahmen. Mit Apps wie VivaVideo, VideoCutter oder VideoShow haben einige Gruppen ihre Videos mit zusätzlichen Effekten aufgemotzt. Da wir die Apps während des Unterrichts nie thematisiert haben, habe ich den Gruppen freigestellt, ihre Videos zusätzlich zu bearbeiten. Obwohl die zusätzliche Bearbeitung mit einem zeitlichen Zusatzaufwand verbunden war und keineswegs bewertungsrelevant war, entschieden sich viele Lernende dazu, diese Zusatzarbeit freiwillig zu leisten.

Positive Aspekte der Videoprojekte

  • Freude und Individualisierung beim Fremdsprachenerwerb
  • Förderung von überfachlichen Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Eigenständigkeit, Kooperations- und Problemlösefähigkeit
  • Möglichkeiten eines interdisziplinären Ansatzes mit weiteren Fachbereichen (z.B. Medien- und Informatik, Geschichte, Lebenskunde, etc.)
  • Die Videoprojekte mindern Hemmungen bei der mündlichen Kommunikation im Fremdsprachenunterricht; besonders im Fach Französisch, da die Lernenden die Möglichkeit haben, sich selbst anhand der gedrehten Videos zu analysieren, zu reflektieren und zu verbessern, falls sie mit dem Endprodukt nicht zufrieden sind.
  • Eine hohe Motivation und Kreativität seitens der Lernenden im Umgang mit Fremdsprachen
  • Ein persönlicher Zugang zur Sprache (emotionale, motivationale und volitive Faktoren)
  • Hohe Schüleraktivität: Fremdsprache als Verständigungssprache auch während der Planung und Realisierung der Videos
  • Erwerb, Festigung und Vertiefung von sprachlichen Strukturen
  • Kennenlernen von kulturellen Eigenheiten der Zielsprache je nach Videoprojekt und Schwerpunkt

Mögliche Stolpersteine

  • Blindes Vertrauen in Sprachassistenten und Übersetzungsprogramme wie Google Translate oder DeepL
  • Grösse der Videodatei beim Verschicken – USB-Stick, Komprimierung evtl. thematisieren oder Arbeit mit einer Cloud
  • Aufwendige Nachbearbeitung der Videos – auch wenn sie freiwillig ist, viele Gruppen haben hier sehr viel Zeit investiert

Eindrücke gefällig?

Hier ein kleiner Auszug aus einem längeren Video meiner 2. Realklasse 🙂

 

Etherpad – Freies Schreiben im Fremdsprachenunterricht

Etherpad im Französischunterricht

Während einer Lektion pro Woche steht bei uns auf der Sekundarstufe im Französischunterricht „Begabungs- und Begabtenförderung“ auf dem Programm. Dabei handelt es sich um ein Zeitgefäss, welches den Lernenden in Kleingruppen individuelle und interessengeleitete Zugänge zur Sprache bieten soll.

Perspektivenwechsel war also gefragt! Die einzig richtige Schlussfolgerung hinsichtlich der Lektionsplanung war meines Erachtens, dass ich die Schüler/innen selbst entscheiden oder zumindest mitbestimmen lasse, an welchen Themenbereichen sie arbeiten möchten. Die Zugrichtung war klar: freies Sprechen, freies Schreiben und Wortschatzübungen. Inspiriert durch die Weiterbildungswoche „Medien und Informatik“ an der PHSZ, entschied ich mich dazu, im Bereich „freies Schreiben“ Etherpad auszuprobieren.

In einem ersten Schritt erarbeiteten sich die Schüler/innen in einem Repetitionsauftrag den grundlegenden Wortschatz zur Unité 2 mit Hilfe von Quizlet. Anschliessend thematisierten wir gemeinsam gängige Satzstrukturen und Ausdrucksmöglichkeiten im Französischunterricht. Danach stiess ich die Schüler/innen ins kalte Wasser.

Auf Etherpad sollten sie nun in Kleingruppen eine Geschichte schreiben und sich dabei am Vokabular der Unité 2 und an den besprochenen Satzstrukturen orientieren. Schön zu beobachten war, dass ausnahmslos alle Schüler/innen an der Geschichte teilnahmen, ihren Beitrag leisteten, sich gegenseitig kontrollierten und korrigierten. Die synchrone Kommunikation erlaubte es den Lernenden, gegenseitig von einander zu profitieren und gleich Stellung zu beziehen. Nicht selten kam es vor, dass einzelne Schüler/innen intrinsisch motiviert im Internet nach weiteren Worten, Satzstellungen oder Ausdrücken suchten.

Von der Lektion konnten alle Lernenden profitieren, Französisch (und dann erst freies Schreiben AUF FRANZÖSISCH!) machte Spass!

Auszug Etherpad 1

Auszug Etherpad 2

Marc Helbling, September 2017